„Weihnachten wird dieses Jahr ganz schön anders“

„Weihnachten wird dieses Jahr ganz schön anders“, sagte jemand im Gespräch.

Ganz schön anders- ja!  Weihnachten, diese Sehnsuchtszeit.

Sehnsucht nach Geborgenheit, Sehnsucht nach Frieden im Familiären und in der Welt,

Sehnsucht nach Wärme, nach Verständnis, Sehnsucht danach, dass ich wertgeschätzt werde, Sehnsucht für andere da zu sein und Liebe zu geben.

Sehnsucht nach einem Ritual, das mir Halt gibt und mich dem Geheimnis dieser Nacht etwas näherbringt.  Weihnachten diese Sehnsuchtszeit.

Und dann brechen wir in Aktivität aus.

Die Wohnung muss geputzt, der Baum besorgt und geschmückt, die Lichterketten drapiert, die Geschenke gebastelt und gekauft, die Kekse gebacken, der Braten vorbereitet, die Weihnachtskarten geschrieben und in die Post gebracht, das Kaminholz gehackt, die Betten gerichtet, der Gottesdienstbesuch geplant werden.

Und dann ist er da, der Heilige Abend – und mit ihm unsere Sehnsucht

Was braucht es, damit es bei uns und in uns Weihnachten werden kann?

Ich habe das Gefühl Weihnachten ist dieses Jahr freigegeben.

Frei von zu viel Erwartungen an uns und die anderen. Frei von Zwängen – weil es schon immer so war. Frei gegeben zu unserer Verfügung, zur bewussten Gestaltung durch uns.

Für dich wird Weihnachten, wenn du „O du fröhliche“ singen kannst – dann tu es, öffne die Fenster und lass deine Nachbarn mithören und singen

Für dich wird Weihnachten, wenn der Braten gelungen ist und du alle bewirten kannst? Wie wäre es, zu kochen und jemandem, der nicht gerne selber kocht etwas vor die Tür zustellen?

Für dich wird Weihnachten, wenn die Familie zusammensitzt und vom vergangenen Jahr erzählt?

Warum nicht mal die Höhepunkte und Sorgen des Jahres in einem persönlichen kleinen „Jahresbuch“ zusammenstellen?

Weihnachten wird dieses Jahr ganz schön anders…

Weihnachten, diese Sehnsuchtszeit. Sie beginnt mitten in der Nacht, im Dunkeln unserer Sehnsucht, in den Nächten unseres Lebens, in den Sorgen unseres Alltags, in den Schmerzen des Alleinseins, in den Hoffnungen der Morgenstunden.

Dieses Jahr ist Weihnachten freigegeben. Frei zu entdecken, was uns wirklich wichtig ist im Leben. Freigegeben zur Trauer über das, was nicht sein kann

Freigegeben zur Entdeckung von dem, was mich in meinem Leben trägt.

Freigegeben, das Geheimnis dieser Nacht für mich selber zu entdecken.

Ich bin weit davon entfernt, zu wissen wie es gehen kann. Aber eins hat mich diese Pandemiezeit gelehrt – es geht nur Schritt für Schritt. Ich weiß noch nicht, was kommt. Ich weiß noch nicht, wie Weihnachten wird. Und ja, es beunruhigt mich. Ich liebe die Sicherheit, ich liebe es, zu wissen, was kommt. Meine Sehnsucht danach alles im Griff zu haben, mein Anspruch Dinge perfekt machen zu wollen. All das ist da und steht mir im Weg. Es hilft gerade nicht weiter.  Aber genau da, in dieser Dunkelheit, dem Lebensnebel beginnt Weihnachten, still und heimlich… Da, wo noch alles schläft, kommt etwas Neues in die Welt.

Mitten in der Nacht gibt Gott seiner Sehnsucht Raum, wird Kind und Menschenfreund.

Weihnachten ist freigegeben für Gottes Sehnsucht – Gottes Sehnsucht nach dem Menschen.

Gott sehnt sich nach uns. Er wird genauso unvollkommen wie wir – und gibt uns damit frei – wir müssen nicht mehr perfekt sein. Göttlich ist das Menschliche

Gott sehnt sich nach uns – er wird genauso scheitern und an Grenzen stoßen, wie jede und jeder von uns – und gibt uns damit frei- wir müssen nicht mehr verbergen, wo wir fehlbar sind. Göttlich ist das Menschliche

Gott sehnt sich nach uns – er begibt sich auf die Suche nach Gemeinschaft – und gibt uns damit frei füreinander da zu sein, so wie wir es können. Göttlich ist das Menschliche.

Ich weiß noch nicht, wie Weihnachten wird, aber eins tröstet mich:

Gott ist da, Mensch unter Menschen, er sieht mich und dich mit all unseren Erfahrungen des Scheiterns, des Suchens, unseren Versuchen, das Richtige zu tun, unseren Erfolgen und unserem Versagen. Er sieht uns mit all unserer Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, nach Gemeinschaft und Verbundenheit. Dieser Blick auf das Fest ist für mich tröstlich und herausfordernd zugleich.

Aber unsere Sehnsucht verbindet uns. Wir dürfen dieses Jahr ganz bei uns sein und sind dadurch ganz bei Gott.  Und zugleich gilt:

Gott wird unter uns geboren, deshalb können wir ganz bei Gott sein und kommen damit ganz zu uns und können gemeinsam nach Wegen suchen, es unter uns Weihnachten werden zu lassen. Bleiben Sie behütet und weihnachtlich gesegnet.